Satire ist nicht gleich Satire

Bild: ZDF

Jan Böhmermann ist aktuell der wohl bekannteste deutsche Satiriker. Er „beleidigt“ mal eben den türkischen Präsidenten oder zieht den Sender RTL durch den Kakao. Provokation ist für ihn das Mittel der Wahl, wenn er versucht sich politisch einzumischen. Seine letzten beiden Aufsehen erregenden Aktionen könnten unterschiedlicher kaum sein und laden gerade deshalb ein, Sinn und Zweck von Satire zu diskutieren. Dieser Text geht nicht nur der Frage nach, was Satire darf, sondern vor allem was sie soll.

Jan Böhmermanns Schmähgedicht über Erdogan liegt nun drei Monate zurück und der Mediensturm, der sich in Entrüstung und Begeisterung spaltete, hat sich gelegt. Sein Gedicht, auch unter Berücksichtigung des Kontextes, in dem es vorgetragen wurde, ist höchst provokant und löste eine gleichermaßen kontroverse Debatte aus.

Unmittelbar nach der besagten Sendung stand wieder die Frage im Raum, was Satire denn dürfe, was nicht, und ob es eine Grenze für Satire gäbe und wenn ja, wo diese denn läge. Über das Niveau des Beitrags mag man sich streiten, doch rein rechtlich gesehen ändert sich nichts daran, dass der Beitrag von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Der Juristenblog Verfassungsblog.de bewertete den Fall im Fazit so: „Er [Böhmermann] hat sich in ausreichender Form vom Inhalt der dargestellten (fiktiven) Schmähkritik distanziert, sie nicht völlig anlasslos präsentiert und diese zudem in einen edukatorischen Gesamtkontext gestellt, so dass dieser ausnahmsweise ein ausreichender sachlicher Bezug zukam.“ Auch Gregor Gysi (Gysi ist auch Rechtsanwalt), der wenig später Gast in Böhmermanns Sendung war, fand das Gedicht zwar „nicht schön“, würde aber trotzdem mit guter Begründung den Freispruch fordern.

Interessant wird es, wenn man den Fokus weg von dem Gedicht selbst auf beispielsweise das Verhältnis der EU zur Türkei legt. Im Zuge der Flüchtlingskrise gilt seit März 2016 zwischen der EU und der Türkei ein Abkommen, nach dem sich die Türkei gegen eine jährliche Zahlung von drei Milliarden Euro dazu bereit erklärt, Flüchtlinge vor Ort zu versorgen, um die Zahlen der Flüchtlinge in Europa zu reduzieren. Jetzt zeigt sich, dass Deutschland als Teil der EU durch dieses Abkommen erpressbar geworden ist. In einem Telefonat mit Erdogan bezeichnete Merkel das Gedicht als „bewusst verletzend“, offenbar mit dem Ziel den wütenden Erdogan zu besänftigen und bewirkte möglicherweise das Gegenteil, wie sich durch die spätere Strafanzeige herausstellte. Mit diesem Kotau bringt Merkel ein Dilemma zum Vorschein, das sie durch ihre Politik selbst mit zu verantworten hat.

Der Höhepunkt dieser Debatte war dabei aber ganz klar eine Pressekonferenz der Kanzlerin, in der sie sich mit ihrer Doppelmoral einmal mehr überschlug. Sie kündigte an, den „Majestätsbeleidigungspragraphen“ (§103 StGB) aus dem Gesetzbuch streichen zu wollen, da er nicht mehr zeitgemäß sei. Dieser Paragraf stellt ausländische Staatsoberhäupter bei Beleidigungen unter besonderen Schutz. Dass die Beleidigung eines Staatsoberhauptes schwerer wiegt als die eines normales Bürgers, ist nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern in meinen Augen auch verfassungswidrig, da dies gegen den Gleichheitsgrundsatz verstößt. Jedenfalls verkündete Merkel Mitte April dann, dass dieses Gesetz für die Zukunft entbehrlich sei, um aber im selben Atemzug zu erwähnen, der Strafverfolgung gegen Böhmermann auf Basis dieses Gesetzes noch einmal stattgeben zu wollen.

Dies war der Gipfel eines Medienereignisses, dessen Ausmaße selbst Böhmermann wahrscheinlich nicht für möglich gehalten hätte oder gar beabsichtigte. Böhmermann selbst bringt auch immer wieder zum Ausdruck, dass er sich selbst nur als Quatschkopf und Moderator einer „kleinen gebührenfinanzierten Losershow“ sieht. Zudem machen politisch-kritische Beiträge nur einen kleinen Teil seiner Sendung aus. Ernst gemeinte politische Ambitionen kann man dem Neo Magazin Royale – anders als beispielsweise „der Anstalt“ – nicht wirklich zuschreiben.

Was das Schmähgedicht betrifft, bleibt fest zu halten, dass es um das Gedicht selbst am Ende gar nicht mehr ging. Denn wenn man anstatt der Frage „was Satire alles darf“, eine andere stellt, nämlich, „was Satire soll“, dann hatte das Schmähgedicht jede Legitimation, vorgetragen zu werden, wenn man bedenkt, dass es eine riesige Debatte ins Rollen brachte und letztendlich sogar indirekt auf politische Entscheidungen Einfluss nahm.

Verafake

Einige Zeit verstrich seit der Skandalsendung, bis das Neo Magazin Royale wieder auf Sendung ging und mit #Verafake wieder einmal einen genialen PR-Scherz landete. Wo einst Stefan Raab oder Günther Jauch unter Böhmermanns Streichen zu leiden hatten, war es zuletzt die RTL Sendung „Schwiegertochter gesucht“. Böhmermann schleuste zwei Schauspieler in die Sendung, um dann mit versteckter Kamera zu dokumentieren, wie würdelos RTL mit seinen Kandidaten umgeht. Das, was Verafake enthüllte ist dabei nichts Neues. Kleine Medienproduzenten, wie Fernsehkritik TV, decken schon seit Jahren auf, dass RTL und anderen Sendern zum Zwecke der Gewinnmaximierung jedes Mittel Recht ist. Mickrige 150€ Aufwandsentschädigung für 30 Drehtage oder gescriptede Texte, um die Kandidaten so doof wie möglich aussehen zu lassen – bei RTL ist das Alltag.

Holger Kreymeier von Fernsehkritik TV äußert sich zu #Verafake

Neu ist dieses Mal nur, dass Böhmermann – auch bedingt durch eine große Erwartungshaltung nach der langen Sendepause – eine viel größere Reichweite hatte und RTL folglich erstmals gezwungen war, unter dem öffentlichen Druck auch auf die Vorwürfe zu reagieren.

Eine Stellungnahme seitens RTL folgte dann auch. In einer Mischung aus Verharmlosung der Vorwürfe, dem Abstreiten von Fehlern und der Behauptung, dass dies natürlich nur ein Einzelfall sei, bemühte sich der Sender um Schadensbegrenzung. Man schob die Verantwortung dem Produktionsteam in die Schuhe, feuerte es und macht nun so weiter wie bisher auch.

Bild: Barbara
Bild: Barbara

Erdogan vs. Schwiegertochter gesucht – Was macht den Unterschied?

Doch vergleichen wir nun einmal das Schmähgedicht mit Verafake. Mit Verafake ist Böhmermann definitiv auf der sicheren Seite. Nichts, weswegen man ihn verklagen könnte, keine Unsachlichkeit oder Unprofessionalität, die man ihm vorwerfen könnte. Böhmermanns freches Grinsen – das selbe wie beim Rezitieren des Schmähgedichts – ist wieder zu sehen, nur wirkt es dieses mal makelloser. Dieser Witz ist definitiv keiner, bei dem man erst fragen muss : „Darf er das?“ Alle scheinen sich einig zu sein: Das ist gute Satire! 99% positive Bewertungen auf YouTube sind ein eindeutiges Signal. RTL wurde gekonnt durch den Kakao gezogen und der Sündenbock ist auserkoren.

Es gibt einen Haken

Das wesentliche Problem bei Sendungen dieser Art liegt in meinen Augen darin, dass sie Menschen zur Schau stellen, sie erniedrigen und das ganze so lächerlich verpackt wird, dass, so Böhmermann, „der Assi RTL Zuschauer das dann schaut, um sein eigenes mickriges Selbstwertgefühl aufzupolieren.“ Das, was solche Sendungen in den Köpfen der Menschen vor dem Fernseher bewirken, halte ich für noch viel problematischer als die Gewinninteressen des Senders. Jeder Einzelne sollte versuchen sich zu erinnern, wie oft er selbst schon lachend solche Sendungen schaute. Aus welchen Beweggründen man so etwas auch schauen mag, in jedem Fall unterstützt man solche Sendungen. Wer sich nach Verafake über RTL empört, aber nachmittags selbst „Schwiegertochter gesucht“ schaut, ist ein Heuchler. Denn RTL ist hier nicht der Bösewicht. Es sind die Millionen Menschen, die jeden Tag diese Sendungen einschalten und damit die Produktion dieses Schwachsinns legitimieren.

Und hier ist worauf ich hinaus will. Es existiert ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Schmähdicht über Erdogan und Verafake. Das wird deutlich, wenn man die beiden Formen der Satire im Hinblick darauf untersucht, was sie kritisieren bzw. wo sie jeweils die Verantwortung für den angeprangerten Missstand sieht. Im Falle Erdogans ist relativ deutlich, dass hier seine sowie die Politik der Bundesregierung an den Pranger gestellt wurde, auch wenn das Gedicht nur der Auslöser dieser Debatte war. Zweifelsfrei waren hier Entscheidungsträger und ihre Politik Gegenstand der Diskussion.

Im Falle von Verafake fällt diese Bewertung nicht so leicht, da das Hauptaugenmerk der Kritik auf RTL selbst lag, was ja auch richtig ist, jedoch das Hauptproblem, wie oben erwähnt, woanders, nämlich beim Zuschauer liegt.

Die Missstände, die Verafake aufzeigte, betreffen – ob Böhmermann das beabsichtigte oder nicht – diesmal auch jeden von uns direkt und nicht nur eine Politik, auf die wir so unmittelbar keinen Einfluss nehmen können. Es wäre, um auf die Ausgangsfragestellung zurück zu kommen, wichtig, diesen Unterschied zu erkennen. Denn, wenn man auf die Frage, was Satire soll, nicht nur antwortet, dass sie Missstände aufzeigen soll, sondern auch eine Entwicklung zur Behebung dieser Missstände anstoßen soll, dann wäre es ideal zu erkennen, dass nach Verafake, jeder Teil einer solchen Entwicklung sein kann.

Einfach abschalten!

1 Kommentar

  1. Das ist eine gute Frage, was Satire soll oder kann! Satire soll auch politisch sein! Böhmermann hat zumindest erreicht, dass man auf ein Gesetz aufmerksam wurde, dass dem demokratischen Miteinander nicht gerade förderlich ist. Zudem glaube ich, bringt er mehr junge Menschen in die politische Diskussion, als Politiker dies vermögen. Wer wusste vorher schon von den vielen Prozessen, mit denen Erdogan sein Volk überzieht. Allein das ZEIT-Magazin hat in einer seiner letzten Ausgaben 286 zum Teil sehr skurrile Fälle dokumentiert.

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