Denkmäler und tote Erinnerungen – Eindrücke einer Berlinreise (Teil 1)

Kaum ein Ort ist für die Geschichte Deutschlands und Europas so bedeutsam wie Berlin. Das Stadtbild ist durchtränkt von Denkmälern und Mahnmalen, Museen und historischen Gebäuden, die Geschichte erfahrbar machen.

Das Brandenburger Tor, der Reichstag und die Siegessäule sind wohl die Bekanntesten. Vor dem Reichstag erinnern 96 Gusseisenplatten an 96 von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete. Die kilometerlange East Side Gallery, der längste bis heute bestehende Teil der Berliner Mauer, lässt erahnen, wie Berlin bis vor 26 Jahren gewesen sein muss. Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist dem Stil nach bis heute erhalten und ist Symbol für die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

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Jede der 96 Eisenplatten steht für ein ermordeten Reichstagsabgeordneten im dritten Reich. Die Namen sind dort zu lesen.
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Pariser Platz, Blick auf das Brandenburger Tor.
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Wo die Bürger Ost Berlins bis vor 26 Jahre noch eine graue Mauer sahen, steht heute ein 1,3km langer Teil der Mauer, der 1990 von 118 Künstlern bemalt wurde.

Am auffälligsten dürfte aber das aus 2700 symbolischen Grabsteinen bestehende Holocaust Denkmal sein. Gleich neben dem eindrucksvollen Bauwerk, das an die dunkelste Zeit in der deutschen Geschichte erinnert, steht ein von zwei Meter hohen Stahlzäunen umgebenes und ständig von zwei Polizeibeamten bewachtes Gebäude. Es ist die Botschaft der Vereinigten Staaten, auf deren Dach sich Abhöreinrichtungen der NSA befinden. Da rankt also die Botschaft eines Imperiums empor, das uns ein treuer Verbündeter ist und seit dem Zweiten Weltkrieg mehrere Millionen Menschen ermordet hat. Und direkt daneben steht ein Mahnmal, das an die Ermordung von mehreren Millionen Menschen erinnern soll. Im ersten Moment weiß ich nicht, was ich von diesem bizarren Bild halten soll. Ist es vielleicht unmoralisch den Holocaust mit den US-Kriegen zu vergleichen?

Ein weiter Blick über das beeindruckende Mahnmal, das an die sechs Millionen in Europa ermordeten Juden erinnern soll. Links im Hintergrund ist die amerikanische Botschaft zu sehn.
Ein weiter Blick über das beeindruckende Mahnmal, das an die sechs Millionen in Europa ermordeten Juden erinnern soll. Links im Hintergrund ist die amerikanische Botschaft zu sehn.

 

Die amerikanische Botschaft. 2008 erbaut.
Die amerikanische Botschaft. 2008 erbaut.

Doch um die Frage der Moral geht es hier gar nicht. Ob das Eine oder Andere grausamer ist. Man könnte diese Diskussion führen. Wenn man in Pakistan die Angehörigen der Opfer eines Terroranschlags oder Drohnenangriffs frage, was denn schlimmer sei – die Kriege der USA oder der Holocaust – würde diese Frage von jetzt auf gleich in der völligen Irrelevanz versinken.

Tatsache ist, dass das Morden der USA bis heute weitergeht. Regelmäßig geraten von den Amerikanern zu Terroristen erklärte Menschen in das Visier unbemannter Drohnen, die bei den Angriffen nicht nur einen Verdächtigen, sondern noch dutzende unschuldige Zivilisten in Stücke reißen. Es gibt keinen Gerichtsbeschluss und keine völkerrechtliche Grundlage, die einen Angriff legitimieren würden. Das ist willkürlich ausgeübte Gewalt gegenüber größtenteils unschuldigen Zivilisten. Als Begründung muss in der amerikanischen Öffentlichkeit die „Verteidigung der nationalen Sicherheit“ herhalten.

Wie gerne würde ich zwischen den Grabsteinen des Judendenkmals entlang spazieren und mir dabei denken: „Wie schlimm das damals gewesen sein muss. Zum Glück werden heute auch dank dieses Denkmals keine Menschen mehr willkürlich für Machtinteressen ermordet. Gut, dass wir dieses Mahnmal gebaut haben. Das muss ewig in Erinnerung bleiben.“

Dann macht sich Ernüchterung breit und man steht inmitten von 2700 massiven Grabsteinen und stellt fest, wie nutzlos diese doch sind.

Welchen Zweck hat die Erinnerung an ein grausames Ereignis, wenn es nicht der ist, die Wiederholung eines solchen zu verhindern? Und welchen Zweck hat dann ein Denkmal, das eine solche Erinnerung aufrechterhalten soll?

2700 Grabsteine sind völlig nutzlos, wenn sie nicht mehr als eine Touristenattraktion sind. Wenn sie nur Hintergrundmotiv für ein paar coole Selfies sind. Wenn sie in uns nicht mehr als nur Trauer und Ohnmacht auslösen und den Wunsch, dass so etwas doch bitte nicht noch einmal passiert.

Man muss diese Naivität beiseite legen, um zu erkennen, dass uns die Vergangenheit hier schon längst eingeholt hat. An kaum einem Ort wird das so deutlich wie in Berlin, wo ein Symbol vergangenen Elends direkt neben einem Symbol aktuellen Elends zu sehen ist, ohne dass sich die Allgemeinheit darüber empört.

Natürlich, wir sind uns alle einig, die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Niemals. Doch heute, 71 Jahre nach der Stunde null, scheint dieser Appell nicht mehr als eine Worthülse zu sein. Wir haben uns an den Frieden hier in Europa so gewöhnt, dass sich die Überzeugung gefestigt hat, dass Krieg hier nie wieder möglich sei. Dass die Diskriminierung von ethnischen oder politischen Gruppen der Vergangenheit angehöre und Manipulation der Bevölkerung durch die Medien nur dystopisch Fantasien seien.

Man muss gar nicht solange suchen, um zu sehen, dass sich diese Muster gerade wiederholen. Die Stationierung von NATO Truppen im Baltikum. Erstarkende Rechtspopulisten in ganz Europa. Der schrittweise Abbau des Sozialstaats. Medien, die das Bild des „bösen Russen“ oder des „faulen Griechen“ an die Wand malen. Reicht das?

Wir haben aus der Geschichte nicht all zu viel gelernt und daher werden wir auch in Zukunft wieder Denkmäler errichten in Erinnerung an die Opfer der Krisen und Kriege in Europa, die uns heute noch bevorstehen. Hoffentlich irre ich mich.

 

In einem zweiten Teil meines Berlin Reiseberichts schreibe ich darüber, wie mich Reisen prägen und welche Gedanken mich sonst noch durch Berlin begleiteten.

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