Reisen und Horizonte – Eindrücke einer Berlinreise (Teil 2)

Ich steige in die Berliner U-Bahn. Ich musste bloß eine Minute auf den Zug warten. Ungewöhnlich für jemanden, der aus einem eintausend Einwohner Dorf kommt, wo nur einmal in der Stunde ein Bus oder Zug fährt. In Berlin gibt es mehr Verkehr als in Fachbach, aber auch weniger Luft zum Durchatmen. Man sieht dort, wenn es dunkel geworden ist, kaum etwas vom Nachthimmel, dafür schimmern die ganze Nacht über die Schilder über den Kreuzberger Bars.

Der Unterschied zwischen dem alt Bekannten und dem neu Erkannten macht das Reisen zu einem Abenteuer. Der zweite Teil meines Berlin Reiseberichts ist weniger politisch und gibt wieder, was mir beim Anblick des großen Berlins durch den Kopf ging.

Alle fünf Minuten rauscht ein Zug in den U-Bahnhof Yorkstraße in Berlin Schönberg. Begleitet von einem frischen Luftstrom und dem unverwechselbaren Geruch der U-Bahn Tunnel. Die Türen öffnen sich und Hunderte Menschen verlassen die Wagen. Genau so viele steigen einschließlich mir darauf wieder ein. Es fühlt sich wie der Puls eines Organismus an, der nie aufhören kann zu schlagen. Es fällt schwer, hier in tiefen Gedanken zu versinken und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Gegenüber von mir steht eine Frau, die eine Hand am Griff, in der anderen ein Buch, in das sie vertieft ist. Man kann sich offenbar an die Umstände gewöhnen. Neben mir sitzen zwei Männer, die sich auf Englisch unterhalten.

Einige Minuten später steige ich aus und bin an einem völlig anderem Ort. Ich stehe auf dem Potsdamer Platz und erblicke an der Fassade eines Gebäudes ein riesiges Apple Werbeplakat und bemerke in diesem Moment, wie viele Werbeplakate an diesem Tag schon mein Blick gefangen haben. Jedes dieser Plakate versucht uns irgendeinen Lebensstil aufzuzwingen, was wir kaufen, tun oder lassen sollen, um zufrieden zu sein. Werbung ist ein feinmaschiges Propagandanetz, das uns stumpfsinnig macht. Werbung hat die Macht die Wirklichkeit unwirklich und Fiktion real werden zu lassen. Das Ausmaß des Apple Plakats ist ebenso immens wie das unserer Konsumgesellschaft.

Potsdamer Platz, hinten prangt die iPhone Werbung an der Fassade
Potsdamer Platz, hinten prangt die iPhone Werbung an der Fassade

Doch der Potsdamer Platz ist mehr als nur Werbefläche. Unzählige Restaurants, ein Theater und hunderte Geschäfte, Street Art Künstler und ganz in der Nähe der Bundesrat, ein Symbol demokratischer Errungenschaften, geben mir das Gefühl von Freiheit. Die Großstadtatmosphäre erfüllt mich von oben bis unten mit Energie. Ich stehe inmitten einer Stadt, in der Millionen Menschen offenbar friedlich miteinander leben können und jeder die Chance tun und lassen zu können, was er will.

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Street Art am Alex

Wieder in der U-Bahn höre ich, wie sich eine Gruppe von Dänen mit Berlinern unterhält. Mich begeistert der Anblick von Menschen verschiedener Nationalitäten, die, ohne sich wegen ihrer Fremdheit komisch zu finden, miteinander reden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit , doch ich weiß, dass es Menschen gibt, die das leider vollkommen anders betrachten.

Ich steige am Wittenbergplatz aus und begebe mich auf den Weg zum Kaufhaus des Westens. Da muss man mal gewesen sein, denke ich und gehe an drei, vier Obdachlosen vorbei, betrete das Kaufhaus und lande als Erstes in einem Laden für 4000 Euro Lederjacken. Wow, bemerke ich ironisch, der Westen ist schon was Tolles. Nirgends ist der Unterschied zwischen bitterarm und steinreich so offensichtlich wie in Großstädten, aber auch daran hat man sich wohl gewöhnt. Mir fallen die Worte eines in Berlin lebenden Journalisten ein, der sagte, dass die Zahl der Menschen, die in Mülleimern nach leeren Pfandflaschen suchen, von Jahr zu Jahr zunimmt. Und diese Menschen entsprechen dabei optisch gar nicht mehr dem, was wir „Penner“ nennen würde.

Auf dem Weg zur Ferienwohnung nehme ich den Bus und fahre die breiten und riesig langen Straßen Berlins entlang. Der Blick von der Siegessäule über den Tiergarten oder vom Berliner Fernsehturm über die ganze Stadt und darüber hinweg ist im wahrsten Sinne des Wortes Horizont erweiternd. Menschen erscheinen aus 200 Metern nur noch als kleine Punkte. So winzig, dass man bei ausgestrecktem Arm Hunderte hinter seinem Daumen verschwinden lassen kann. Schade, dass sich diese Spezies für das Größte hält.

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Blick über den Tiergarten von der Siegessäule aus

An einem anderen Tag bewege ich mich mit dem Fahrrad durch die Stadt. Durch die zwei Quadratkilometer große Waldfläche des Tiergartens und entlang der Spree vergisst man für einen Moment, dass man in einer Großstadt ist.

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Schöne Aussicht auf die Spree, links im Hintergrund ist das Kanzleramt zu sehen
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Idyllisch mitten in Berlin

Abends durchkämme ich das Partyviertel von Kreuzberg nach ein paar coolen Locations und werde nach ein paar Anläufen fündig. Ein witziger Barkeeper und gute Musik hinterlassen bei mir einen weiteren Eindruck, wie Berlin sein kann: klein, gesellig und unterhaltsam.

Es sind beim Reisen die unzähligen und teils unbewusst wahrgenommen Details, die das eigene Denken immer wieder herausfordern und den Horizont erweitern. Vor allem eines ist mir als eher pessimistisch in die Zukunft blickender Mensch wieder einmal klar geworden: Es ist nicht alles schlecht und wir haben noch viel zu verlieren, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

 

Im ersten Teil meines Berlin Reiseberichts schreibe ich über das Holocaust Mahnmal und seine vergessene Bedeutung:

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