Die Sache mit der Pietätlosigkeit

Vor einigen Tagen entschloss sich ein Mann in Berlin, ein grausames Verbrechen zu begehen. Er tötete mit einem Lkw 12 Menschen und verletze zahlreiche Weitere, während sie auf dem Weihnachtsmarkt die Adventszeit friedlich genießen wollten.

Ein Ereignis, wie das in Berlin, hinterlässt immer ein riesiges Echo in der Gesellschaft. Reaktionen aller Art geistern tagelang durch die Medien und sozialen Netzwerke. Eine Mischung aus Spekulation, politischer Instrumentalisierung, Anteilnahme und Trauer um die Opfer. Auch ich habe mich gefragt, ob und wenn ja, wie ich darauf reagieren sollte. Sollte ich meinen Kommentar zum Anschlag von Paris noch einmal posten? Sollte ich einen neuen Text verfassen? Sollte ich mich an der Kritik an der Flüchtlingspolitik beteiligen? Oder mich an dem merkwürdigen Umstand aufreiben, dass dies der fünfte von Moslems verübte Terroranschlag war, bei dem der oder die Täter ihren Ausweis am Tatort „vergaßen“ und wenige Stunden später, ohne die Chance auf einen Prozess, erschossen wurden? Ich war mir nicht sicher, bis ich dieses Bild fand.

Ich postete dieses dann ohne großen Kommentar bei Instagram. Mein Hintergedanke: Es passieren immer mehr Anschläge und noch viel viel mehr davon werden in den kommenden Jahren weitere Menschen töten. Das, was um den Anschlag herum passiert, gleicht dabei immer demselben Muster. Kollektive Anteilnahme auf Facebook, politische Debatten, die immer wieder dieselben Fragen aufwerfen und immer wieder dieselben Fragen völlig ignorieren. Dann, wenn ein paar Wochen vergangen sind, findet das allgemeine Leben wieder zur Normalität zurück. Wahrscheinlich werden danach abseits der Wahrnehmung der Bevölkerung weitere Überwachungsmaßnahmen oder Kriegseinsätze beschlossen. Wahrscheinlich werden andere Maßnahmen nicht ergriffen: wie die Beschränkung von Waffenexporten oder zumindest nicht ihre Ausweitung.

Soweit zu dem Muster, das mir durch den Kopf ging, als ich dieses Bild betrachtete. Ich verstehe das Bild im weitesten Sinne als Karikatur, also postete ich es ohne diese Erläuterung und überließ dem Betrachter, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

„Habe eine bisschen Respekt, Menschen sind gestorben!“

Es gibt Menschen, und dazu zähle ich mich, die auf Terroranschläge mit Witz und Humor reagieren können. Aber nicht weil ich es witzig finde.

„Satire ist eine Art Notwehr, die es erleichtert, mit dem Irrsinn, der uns in diesem wahnwitzigen kapitalistischen System umgibt, zurechtzukommen. Wir kritisieren Dinge, die uns belästigen oder bedrohen und die sind mit einem guten Witz einfach besser zu ertragen.“
Martin Sonneborn

Jeder Mensch hat ein anderes Empfinden, wenn es um Leid und Tod geht. Jeder Mensch verarbeitet schlimme Dinge auf seine Art und Weise. Und jede Art des Umgangs ist zu akzeptieren. Einigen Menschen missfällt mein Umgang allerdings. So wurde auch mein Post bei Instagram respektlos genannt. Auch nach den Pariser Anschlägen 2015 sagte man oft, „Humor wäre hier nicht angebracht“. Ich fasste diese Argumentation als Doppelmoral auf, da sich noch bei den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo alle mit jenen Toten solidarisierten, die ihr Geld damit verdienten, mit dem derbsten Humor alles und jeden durch den Dreck zu ziehen.

Moral ist keine mathematische Gleichung. Jeder Mensch besitzt ein unterschiedlich sensibles Moralempfinden. Ich möchte nicht, dass man meine Sicht darauf als richtiger als eine andere betrachtet. Vielmehr möchte ich versuchen die Frage der „Pietätlosigkeit“ um meine Gedanken zu erweitern.

„Da kommen hier manche mit „mangelndem Anstand“ oder „Pietätlosigkeit“ an…Leute, der REALITÄT mangelt es an Anstand und Pietät…die Menschheit ist es, die geschmacklos ist, der Postillon ist eher die arme Wurst, die die Scheiße in Goldpapier verpackt, um sie wenigstens etwas genießbarer zu machen!
-Kommentar eines Postillon Lesers

Ich halte es nach wie vor für sehr bedauernswert, wie wir – der Westen – bei Anschlägen innerhalb unseres Kulturkreises auf die Tränendrüse drücken und uns das restliche Elend auf der Welt einen Dreck interessiert. Ich habe mir über mögliche Gründe dafür Gedanken gemacht:

Liegt es an der Nähe der Ereignisse? Fühlt man sich einfach betroffener, weil man denkt „das könnte jetzt auch mir passieren“? Ist es die gemeinsame Sprache, die Kultur, Wertevorstellungen oder unser Lebensstandard, die unsere Trauer verstärken? Sind wir erschüttert, weil die Menschen, die in Europa bei Terroranschlägen sterben, viel mehr mit uns gemein haben als, tote Moslems oder Afrikaner? Vielleicht sind wir aber auch deshalb so geschockt, weil wir in Europa an Frieden und Sicherheit so gewohnt sind und gleichzeitig Krieg und Hunger im Rest der Welt für normal halten. Wollen wir es einfach nicht wahrhaben, dass auch unsere Gesellschaft verwundbar ist? Viele sind vielleicht sogar der Auffassung, dass der Frieden in Europa unser aller Verdienst ist, während Hunger und Krieg im Rest der Welt das Verschulden der Menschen dort ist. Moslems und Schwarze sind eben nicht so zivilisiert und gut entwickelt wie wir Europäer!

Ich bin sicher, dass sich diese Fragen fast jeder schon einmal mehr oder weniger gestellt hat. Jede dieser Fragen zeugt von Naivität und Unwissenheit und ist auch pietätlos. Pietätlos gegenüber den Opfern von Krieg und Terror überall auf der Welt. Pietätlos ist das kritiklose Hinnehmen der Kriegspolitik unserer Regierung. Pietätlos ist die Duldung unserer Wirtschaftspolitik, die in Griechenland Arbeitslose und Tote produziert. Pietätlos sind Waffenexporte, Sanktionen gegen Russland, Modernisierung von Atomwaffen, Geschäftsbeziehungen zu Kopf-Ab-Diktaturen und die militärische Beteiligung am Drohnenkrieg der USA. Und. So. Weiter.

Worauf beruht nun aber die große Diskrepanz, was Menschen als pietätlos ansehen? Warum haben Menschen eine so unterschiedliche Auffassung davon, wo die „Grenze“ erreicht ist? Es ist für mich immer wieder traurig, mit anzusehen, wenn als Reaktion auf einzelne Unglücke, die Profilbilder in den Farben irgendeiner Nationalflagge erscheinen und per Whatsapp Kerzen „herumgereicht“ werden. Ich hätte den ganzen Tag nichts anderes zu tun, wenn ich jedes Mal das Bild einer Kerze posten müsste, wenn irgendwo auf der Welt Menschen krepieren. Das ist das Traurige daran. Dass man den ganzen Tag trauern müsste, um dem weltweiten Leid gerecht zu werden. Nur sind wir uns dessen gar nicht mehr bewusst. Hungernde Afrikaner kennen wir nur noch von der „Werde Pate!“-Werbung an der Bushaltestelle. Leid ist durch mediale Verschwiegenheit abstrakt geworden. Wir wissen einfach nicht, wie pietätlos die Realität ist.

Ich versuche das Ganze mehr mit Vernunft und Systematik, anstatt mit Emotion und lähmender Trauer anzugehen. Denn überrascht war ich nicht, als das in Berlin passierte. Ich wusste, dass es passieren würde und ich weiß auch, dass es wieder passieren wird. Ich will mich nicht an Einzelfällen aufreiben, sondern vielmehr die Muster dahinter verstehen. Noch habe ich den Funken Hoffnung, dass mehr diese Muster sehen und ihrer Trauer nicht länger Lethargie, sondern politisches Engagement oder zumindest Interesse folgen lassen.

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