60 Jahre EU – Krieg und Frieden, Schein und Sein

Grafik: ZDF

Die Europäische Union feiert ihren sechzigsten Geburtstag. Sechzig erfolgreiche Jahre, sechzig friedliche Jahre. Angesichts dieser beachtlichen Statistik brechen Politik und Medien in Euphorie aus. Zu Unrecht, wie ich finde. Ein Kommentar.

Moment, wir freuen uns über 60 Jahre Frieden auf europäischem Boden, während Frankreich (wohlgemerkt EU-Mitglied) in Syrien an einem Krieg beteiligt ist, der jeden Tag an die Tausend Menschenleben fordert? Während Deutschland (auch ein EU-Mitglied) logistische Unterstützung für den Drohnenkrieg der Amis bereitstellt? Tun wir das wirklich? Wir malen einen Balkendiagramm, mit einer dicken blauen Stelle ganz rechts, dazu eine EU-Flagge und fertig?

Klar, die Zahlen der Grafik stimmen. Auf EU Gebiet gab es seit Ende des Zweiten Weltkrieges keine militärischen Konflikte mehr. Gut, da gab es vor 18 Jahren mal einen Krieg mit ein paar Tausend Toten im Süden Europas, aber der war nicht Teil der EU, sodass der Balken an dieser Stelle blau bleibt.

Der Maßstab, nach dem hier zwischen Krieg und Frieden unterschieden wird, ist äußerst schwach, um nicht zu sagen, völlig absurd.

Selbstverständlich bin ich froh, dass ich nicht täglich damit rechnen muss, auf eine Feldmiene zu treten oder durch Bombenhagel zerfetzt zu werden. Aber ich akzeptiere einfach nicht, dass genau das Menschen andernorts widerfährt und Deutschland, Großbritannien oder Frankreich Mittäter dieser abscheulichen Kriegsverbrechen sind. Das kann man doch nicht leugnen! Die Frage nach Krieg oder Frieden macht man doch nicht daran fest, wo er stattfindet, sondern wer ihn führt!

Dazu kommt, dass die Kriege im Nahen Osten nicht aus humanitären, sondern aus geostrategischen Gründen geführt werden. Es geht schlicht um Erdöl und Erdgas. Ohne dieses Öl und Gas würde unsere Industriegesellschaft nicht funktionieren. Während die Nahost Kriege dort alles in Schutt und Asche legen, sorgen sie bei uns dafür, dass der Rubel weiterhin rollen kann. Mit anderen Worten: Frieden und Wohlstand in Europa wären in diesem Ausmaß ohne Ausbeutung und Kriege woanders nicht denkbar.

Aber man kann die Realität natürlich auch so stark verzerren, wie es diese Grafik tut. Krieg ist okay, nur bitte nicht bei uns. Was in den Köpfen der Menschen hängen bleibt, ist der Glaube, in einer EU zu leben, die sich seit ihrer Existenz nichts zuschulden kommen lassen hat. Das ist die Spitze der Public Relations.

Wir dürfen nicht zulassen, dass der weitverbreitete unkritische Blick auf die Kriege im Nahen Osten aber auch die Ausbeutung der Dritten Welt zur Normalität wird.

Das ZDF untertitelt seine Grafik mit den Worten „Alle Menschen werden Brüder“.

Meint das ZDF tatsächlich ALLE Menschen?

Nachtrag: Was mir noch aufgefallen ist: Für die Zeit nach 1957 wird das Gebiet der EU/EWG betrachtet. Vor 1957 gab es allerdings noch keine EU/EWG, ergo wird hier also ganz Europa betrachtet. Und darin liegt ein schwerwiegender Fehler. Man kann für das Kriterium Krieg/Frieden nicht je nach Zeit verschiedene Gebiete betrachten, denn so wird suggestiv EU gleich Europa gesetzt und der EU wird ein Erfolg zugeschrieben, den sie nie hatte, nämlich keinen Krieg zwischen den europäischen Völkern mehr seit Ende des 2.WK.

Hintergrundinformation: Vortrag über die Kriegshistorie des Nahen Ostens

Original-Post: https://www.facebook.com/ZDFheute/photos/a.275406990679.144521.112784955679/10155201250915680

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